Der Kassenschlager im Supermarkt oder...

...vom Nachteil mit den Kundenvorteilen

Wir alle kennen diese Situation: Wir stehen in der Warteschlange vor der Hightech-Kasse im Supermarkt und haben eine kleine Mittagsverpflegung eingekauft. Wir suchen diejenige Zahlstation, welche auf Grund der darauf abgestellten Warenmenge und der Anzahl der danebenstehenden Kunden die geringste  Wartezeit verspricht.

Noch drei "Piepstöne" des genialen Barcodelesers folgen. Die ältere Dame vor mir zückt bereits ihr Portemonnaie. Der Betrag wird angezeigt und von der freundlichen Kassiererin akustisch und verständlich ausgesprochen.

Die Dame zieht erfreulicherweise gleich eine grosse Banknote hervor, ohne im Münzfach nach kleinlichen Überresten zu suchen, was sich für mich zeitlich ganz sicher auszahlen wird.

Und dann kommt er! Dieser Satz jeder Kassiererin ohne jedes Mitgefühl für das Verlangen nach Eile der in der Warteschlange stehenden und gänzlich unschuldigen Kunden, welche nur kurz etwas einkaufen wollten:

"Haben sie schon unsere Kundenkarte?"

Das darf doch nicht wahr sein! Die Dame vor mir hat natürlich keine Kundenkarte und fragt so, als hätte sie mich und die anderen Mitmenschen an der Kasse hinter ihr schlichtweg übersehen:

" Was ist das?"

Und dann geht's los:  "Wenn sie so freundlich wären, dieses Formular auszufüllen, dann erhalten sie in den nächsten Tagen ihre ganz persönliche Kundenkarte per Post zugestellt. Damit können sie bei jedem Einkauf wertvolle Punkte sammeln, die wir ihnen beim Kauf von immer wechselnden Sonderaktionen anrechnen können!"

"Welche Sonderaktionen haben sie denn jeweils im Angebot?"

Spätestens jetzt weiss ich, dass mich mein Instinkt für schnelle Kassen jämmerlich im Stich gelassen hat. In einer Mischung aus innerer Verzweiflung und Wut muss ich mir diese Aufzählung von belanglosen Küchenutensilien mitanhören, während meine Gedanken den Supermarkt bereits fluchtartig verlassen haben.

Nach einer überzeugenden Argumentenkette reicht die Kassiererin der ansatzweise begeisterten Kundin einen Kugelschreiber, welche dieses kleine Stück Papier ausfüllen sollte. Ich fühle mich um Lichtjahre von meinem Express-Einkauf über die knappe Mittagszeit zurückgeworfen.

Endlich! Unterschrift! Fertig!

" Kennen sie zudem bereits unser *Treue-Urlaubs-Paket*, wo sie aktuell die Tagesfahrkarten mit der Hinterbergbahn im St. Nimmertal für fünf Franken günstiger kaufen können?"

Natürlich kennt das die Dame wie sieben Millionen andere Menschen in der Schweiz auch noch nicht und zeigt in Folge ihres angeborenen Anstandes Interesse.

Mein Baguette wird innerlich aus Verzweiflung über die unglaublichen Versuche mit Kundenbindungsmassnahmen zur Mittagszeit von meiner Hand aus Wut in der Mitte zu einem "Brösmeli-Haufen" zerquetscht, die beiden Äpfel beginnen in der Hitze der Wartezeit zu gären, während meine Fingernägel das Bündnerfleisch packen und in Gedanken aus der Kassiererin am liebsten Hackfleisch gemacht hätten. Aber ich bin Menschenfreund!

Ich wollte mir doch  nur ein Sandwich genehmigen, etwas Gesundes und  Rotbackiges essen und dann wieder zur Arbeit gehen, was ich nun wohl vor meiner regulären Pensionierung auf keinen Fall mehr schaffen werde.

Endlich komme ich an die Reihe. Die Kassiererin packt ihre sieben Sachen zusammen, lächelt mich an und säuselt etwas von Mittagzeit und einer Ablösung, die gleich kommen werde. Dann entschwebt sie leichten Herzens aus ihrem kleinen Königreich.

Ihrer Nachfolgerin erkläre ich sogleich unmissverständlich, dass ich keine Kundenkarte will, keine Treuekartenvergünstigungen für die Hinterbergbahn, auch keine Märklis für das Pfannenset. Die einzige Aktion, die ich jetzt tätigen will, ist ZAHLEN!!!

Die Kassierin sieht mich entgeistert an und lässt meine drei Sachen über  den Barcodeleser gleiten, wobei nach zwei "Pieps-Tönen" Schluss ist.

"Worauf warten sie denn noch!", japse ich in meiner Verzweiflung. "Ich hasse diese Staus an der Kasse!"

Die Dame nimmt das Säckchen mit den beiden Äpfeln in die Hand, steht auf und meint gelassen, während sie sich in Richtung Gemüse- und Früchteabteilung davon macht: "Dann legen sie die Äpfel beim nächsten Mal doch bitte gleich selber auf die Waage."
Ich bin am Boden zerstört!

Simon Anderhub der Mann, der das Lachen erfunden hat. Sein Geist sprudelt verspielt im Champagner-Glas, unterhaltsam und inspirierend. Und wie das Glas, das zuviel war am Abend, fördert er mit seinem scharfsinnigen Humor so manche Geheimzutat aus unseren Lebenseintöpfen zu Tage.

Simon Anderhub, Februar 2011

Sag uns Deine Meinung!

Stimmt! Stimmt nicht! Hab ich auch schon erlebt! Gefällt mir! Oder anders ausgedrückt ...

Piatti Website