Vom Winterspeck zum Frühlingsschinken

Was für ein gemütlicher Winterabend! Das Kaminfeuer brennt, der Nüsslisalat mit Speck und Brotcroutons schmeckt schon mal hervorragend. Und nun dieses sämige, rezente Käsefondue. Ein Gaumentraum! Dazu Weisswein, nicht zuwenig Kirsch, um die trockenen Brotwürfel darin zu befeuchten. Zum Dessert etwas erfrischend Leichtes: Ein Stück Schwarzwälder-Eisorte mit zusätzlicher Sahne obendrauf!

Im selben Augenblick, in dem sich der gesamte Energiehaushalt in Richtung Magen verabschiedet hatte, beschloss ich wieder einmal, entweder früher zu sterben oder ab dem kommenden Montag meine Ernährung komplett umzustellen. Zunächst  aber war erste Hilfe angesagt. Den obersten Knopf der Hose musste ich nicht mehr öffnen, denn dieser hatte sich nach dem 82. Brot-Käsewürfel von selbst weggesprengt. Den Gurt zu lockern war nicht möglich, weil es da von der Fabrikation her gar kein Schnallenloch mehr gab!

Am darauf folgenden Tag ging ich fest entschlossen ins Fitnesscenter, um mir ein Jahresabo zu kaufen. Anschliessend folgte der Gang ins Sportgeschäft, denn die alte Trainingsausrüstung ermöglichte mir schlicht und einfach zuwenig Bewegungsfreiheit. Im Internet googelte ich nach den neusten Trend in Sachen Diät und Ernährungsberatung und entschied mich vernunftshalber für „10 Kilo in 20 Tagen“, da ich es ja mit dem Gewichtsverlust nicht von Anfang an übertreiben wollte.

Mental und ausrüstungstechnisch war ich nun also bereit, endlich abzuspecken und mich wieder in die Zone meines Wohlfühlgewichtes zu katapultieren. Ich wusste, dass es unglaublich viel Disziplin, Willen und Entschlusskraft von mir brauchte, um mein Vorhaben erfolgreich in die Tat umzusetzen. Erschöpft von all diesen Vorbereitungen ging ich im Rahmen der Förderung meiner Selbstmotivation noch einmal zu meinem Lieblingsitaliener, um mir im Sinne einer Henkersmahlzeit nochmals einen Teller Spaghetti Carbonara und danach eine doppelte Portion Tiramisu zu gönnen.

Beim Blick in die Agenda ahnte ich bereits, dass diverse Rückschläge auf Grund der vielen Geschäftsessen über Mittag und den gesellschaftlichen Verpflichtungen am Abend auf mich zukommen. Mehr als die Hälfte dieser Schlemmereien fanden zudem in meinen verschiedenen  Lieblingsrestaurants statt.

Aus Vernunftsgründen schob ich mein sportliches Vorhaben nochmals um einen Montag nach hinten. Das Leben soll ja auch noch ein wenig Freude bereiten und ein dahinvegetieren ohne Bier, Wein und gutes Essen ist zwar möglich, aber wenig sinnvoll.

So lebe ich nun schon seit Jahren von Montag zu Montag und warte einmal mehr darauf, bis ich im Frühling einen Brief von irgendeinem Fitnessstudio erhalte, dass mein Jahresabo in den nächsten Tagen abläuft...

Simon Anderhub der Mann, der das Lachen erfunden hat. Sein Geist sprudelt verspielt im Champagner-Glas, unterhaltsam und inspirierend. Und wie das Glas, das zuviel war am Abend, fördert er mit seinem scharfsinnigen Humor so manche Geheimzutat aus unseren Lebenseintöpfen zu Tage.

Simon Anderhub, Februar 2012

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