Die magere Martina mault oder vom Paulus zum Saulus und retour

Mein bester Freund Paul ist verfressen und liebenswert. Frauen, die Diät halten, sollten sich besser fernhalten.

"Und dann sagte der Wirt, er hätte da einen wunderbaren Barbera Croere im Offenausschank, ob wir ein Gläschen wollten, und dann sagte Martina, nein danke, ich bleibe beim Mineral. Stell-dir-das-vor! Und natürlich Mineral ohne Kohlensäure!"

Paul ist mein bester Freund. Weil wir aufgrund seines mächtigen Bauches nicht gemeinsam Pferde stehlen können, gehen wir durch dick und dünn.  In Liebesdingen hat er wenig Erfolg, dafür versteht er sich prima auf alles Kulinarische. Manchmal sagt er dann Dinge wie "lieber ein Braten im Feuer als ein Huhn im Ofen", und wenn ich das höre, gingge ich ihn unter dem Tisch oder erteile weise Ratschläge, bis es ihm leid tut. Nach dem Martina-Drama aber hat er mein volles Mitgefühl:

Er hatte Gastrokritiken gelesen. Hatte seinen Blazer in die Reinigung gebracht. Einen Tisch am Fenster - "aber bitte etwas am Rand" - reserviert. Hatte Eau de Parfum aufgetragen und Martina um 19 Uhr abgeholt, ein Sträusschen frischer Maiglöckchen in der Hand. Sie hatte wunderbar ausgesehen, das cognacfarbene Kleid betonte ihre Taille und die schwarzen Haare trug sie offen. Paul war zufrieden. Er spürte ein leichtes Zucken im Bauch, Schmetterlinge könnte man sagen, wenn man in Liebesdingen erfahrener wäre. Nicht weit von den Schmetterlingen pochte ein Gefühl, das er besser kannte.  Appetit. Hunger. Und er freute sich darauf, dass ein auf den Punkt gegarter Ormalinger Jungsauschlegel an Rieslingjus dem Gefühl bald beikommen würde. Die Tragödie, die danach folgte, hatte trotz mannigfacher Tiefpunkte kein Potenzial, seinen Hunger zu tilgen. Die Schmetterlinge aber machte sie mausetot:

Dass Martina bei der getrüffelten Petersilienschaumsuppe weder Schaum noch Suppe ass, wäre ihm vor lauter Hunger und Einblick in ihr Dekolletee beinahe entgangen. Auch über das penible Wegkratzen des Parmesanschaums von den Kräutertagliatelle mit grünem Spargel hätten Pauls verliebte Augen noch hinweggesehen.  Dass sie dann allerdings die Pasta unter dem Kopfsalatblatt zu verstecken suchte und etwas von "bösen Kohlenhydraten" murmelte, schmerzte ihn sehr. Doch als der Kellner die zarten Lammkeulen im Pfeffermantel mit Olivencoulis, pikanten Karamelltomaten und einer Roulade von zarten Frühlingsgemüsen nach ihrem Verweis auf den hohen glykämischen Index und ihre Entschlackungskur wieder in die Küche zurücktragen musste, platzte ihm der Kragen. "Geh doch mit einem schlaksigen Weight Watcher-Wichtel Mineralwasser trinken. Ich hau ab", sagte er beleidigt, liess eine 200er-Note liegen und stand auf. "Damit kannst du zahlen. Und aus dem Rest kannst du deinen Bikinifigurfreundinnen ein halbes Gurkenrädchen spendieren." Er verliess den Tisch wutschnaubend.

Nun sieht Paul sehr unglücklich aus. So sehr, dass mir sämtliche Weisheiten im Hals stecken bleiben.  Ich tische Ziegenkäse mit Portweinfeigen und hausgemachte Entenlebermousse mit Maisbrot auf. Wir essen schweigend. Irgendwann seufzt er erleichtert. Ein sicheres Zeichen. Paul sagt: "Von Liebe allein wird keiner satt. Wohl dem, der was zu löffeln hat." Und ich ergänze: "Isst du gar zuviel Gemüse, so verdummt die Zirbeldrüse."

Zora Schaad die Frau, die weiss, welche Buchstaben nötig sind, um einen Satz zu einer Symphonie zu machen. Mit schneidendem Scharfsinn geht sie den Küchendingen auf den Grund, kramt in der dunkelsten Vergangenheit und bringt das Küchenleben längst vergessener Tage auf den Teller von heute.

Zora Schaad, Juli 2011

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