«Schatz, du riechst nach Rosen-Kohl»

In der Küche liegen Gut und Böse nah beieinander. Eben noch ist die Banane süss und fruchtig, schon ist sie matschige Pampe und braune Schale. Oder Specktranchen: Eben noch knusprige Fleischstücke, die die Augen meines Wundermannes zum Leuchten brachten und seiner Bereitschaft, endlich den Abfluss zu entstopfen, den nötigen Antrieb gaben, schon verkrustete Fettschichten in der Bratpfanne, die mich in den Wahnsinn treiben. Denn ich muss zugeben – bei Gerüchen in der Küche dreh‘ ich durch! Oh, wie ich es hasse, wenn der Geruch in den Wänden und Möbeln, in den Kleidern und Haaren hängen bleibt und sich mein Mittagessen noch Stunden später geruchlich ablesen lässt. Ich stelle mir vor, wie die Leute denken: «Na, gab‘s wieder mal Fischstäbchen/ Knoblibrot/ Rosenkohl?»

Die Frauen in meiner Familie bilden sich etwas ein auf ihre feinen Nasen. Meine Mutter, eigentlich eine leidenschaftliche Weingeniesserin, glaubt, in jeder zweiten Flasche einen müffelnden Zapfen erschnüffeln zu können. Während die anderen Familienmitglieder sich an dem für schlecht befundenen Tropfen gütlich tun, öffnet sie unbeirrt weiterhin Flasche um Flasche und degustiert ein Schlücklein, um die Bouteille danach seufzend zur Seite zu stellen. Böse Zungen behaupten, dass nicht einmal ein Dosenbier ihre Zapfenprüfung bestehen würde.

Dennoch: Evolutionär betrachtet sind wir mit unseren guten Riechkolben klar im Vorteil, denn das Risiko, dass meine Steinzeitvorfahrinnen ihren Sprösslingen verdorbenes Mammutfleisch oder vergorene Beeren vorsetzten, ist eher klein. Heute dagegen, wo die Sensibilität unserer Nasen das Absorptionsvermögen einer durchschnittlichen Mietswohnungsdampfabzugshaube übersteigt, kann die Gabe lästig sein. Ein Blick ins Netz zeigt, dass wir mit dem Problem nicht alleine sind. So sucht etwa «Pinguin140» in einem deutschen Forum nach Rat:

«Hilfe, trotz meines Dunstabzugs riecht es in meiner Küche IMMER nach Essen. Während des Kochens lasse ich den Abzug volle Kanne laufen und das Fenster ist geöffnet. Man kann bereits an meiner Wohnungstür schnuppern, was es heute zum Essen gibt. Auch an den Klamotten klebt der Duft. Kann mir jemand helfen, ich brauche Hilfe. »

Die Tipps, die Pinguin erhalten hat, werde ich an dieser Stelle nicht wiedergeben. Nur so viel – der Rat, sich in die kalte, geruchsarme Antarktis zurückzuziehen, war nicht dabei. Wobei es ja leider genauso unzutreffend ist, dass Kälte von Geruch-Stänkern befreit, wie die Unterscheidung zwischen Wohlgeruch und Nasenbeleidigung eine eindeutige ist. Meine Nahtoderlebnisse vor geöffneter Kühlschranktür jedenfalls sind samt und sonders auf das Bunkern von Wundermannes Lieblingskäse zurückzuführen. Tja, und was macht frau da, wenn sein Hochgenuss mich ins olfaktorische Koma katapultiert? Nase zu und durch? Oder doch eher: «Sorry Schatz – Käs‘ und Speck – sind weg»?

Zora Schaad die Frau, die weiss, welche Buchstaben nötig sind, um einen Satz zu einer Symphonie zu machen. Mit schneidendem Scharfsinn geht sie den Küchendingen auf den Grund, kramt in der dunkelsten Vergangenheit und bringt das Küchenleben längst vergessener Tage auf den Teller von heute.

Zora Schaad, Februar 2011

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