Glacéessen – ein Selbstversuch

„Schreib, wie man richtig Glacé isst“, sagte der Chefredaktor. „Ich will das Kleckern zwischen den Zeilen hören!“

Ich war ratlos. Da schaff ich es, mich in Ländern zu verständigen, von deren Sprache ich kein Wort verstehe, in kurzer Zeit bücherweise Wissen in mein überhitztes Gehirn zu schaufeln und ein Kind auf die Welt zu stellen – aber mit Glacéessen soll ich Schwierigkeiten haben? Ein Versuch in der Stube verlief unspektakulär. Ich kaufte ein Pralinato, trug es nach Hause, versteckte es vor dem Kind – das war der schwierigste Teil – riss das Papier auf und vertilgte es vor dem Fernseher. So konnte es nicht weitergehen. Ich erinnerte mich, dass wir als Kinder trotz Routine mehr Schwierigkeiten hatten. Rinnsale von Glacésauce liefen uns über Kinn und Unterarme. Da wir den Sommer über fast nur im Badekleid herumliefen, war das nicht weiter tragisch. „Apollo flüssig“ gehörte zu den appetitlicheren Zusätzen im gechlorten Wasser des Swimmingpools.

Ich beschloss, meine Versuchsreihe auszubauen. Erschwerte Umstände mussten ran. Die Hitzewelle Ende Juni schien mir ideal.

Mein Experiment begann mit einem Erdbeercornet. Kaum aus der Kühltruhe, verlor es seine samtene Oberfläche, wurde glatt und weich. Ich schleckte schneller, drehte gekonnt das Cornet um die eigene Achse. Gerade als es stressig wurde, beendete ich die Aktion mit einem beherzten Biss. Sollten Sie jemals in die Lage kommen, während eines Vorstellungsgesprächs ein Glacé essen zu müssen: Ich rate zum Cornet.

Am nächsten Tag, das Thermometer zeigte 32 Grad, probierte ich mich an einem Twister. Das Wasserglacé ist ein Klassiker, den ich 20 Jahre verschmäht hatte. Fast andächtig schleckte ich und fühlte mich fast wieder wie das 5-jährige Scheckmaul, das ich mal war. Ein kalter Tropfen auf meinem Handgelenk holte mich in die Gegenwart zurück. Jetzt war es passiert. Mein Chef wird sich freuen!

Weiter gings mit einem Waldbeer-Solero. Mit dem blanken Holzstäbchen des Vorgängerglacés kritzelte ich eine Tabelle in den trockenen Boden. Notierte Glacésorte, Schleckgeschwindigkeit, Temperatur und Flecken. Dazwischen kümmerte ich mich um mein Solero. Alles ging gut, bis ein Windstoss kam. Mein langes Haar klatschte an die Glacéoberfläche. Mit der freien Hand trennte ich Glacé und Haar. Versuchte, die Finger sauber zu lecken und in der Handtasche nach Taschentüchern zu suchen. Eine Wespe kam zu fliegen. Ich wedelte mit dem Solero, versuchte, es zu verscheuchen. Es nahm Kurs auf mein klebriges Haar. Endlich, das Taschentuch. Ich putzte mein Haar, während mir an der anderen Hand das Solero über die Finger tropfte. Zuerst nur die fruchtige Oberfläche, dann auch der rahmige Innenteil. Die Wespe hatte nicht aufgegeben. Mit einem grossen Schritt flüchtete ich. Von der abrupten Bewegung brach das Glacé auseinander. Der Schwerkraft Folge leistend, streifte es zuerst mein helles Shirt, bevor es mit einem schmatzenden Geräusch in meiner Sandale landete. Wütend pfefferte ich das verbleibende Glacé nach der Wespe – und traf einen Pudel mit rosa Schleife. Sein Frauchen zetterte los, ihr Begleiter musterte mich mit finsterem Blick. Nichts wie weg! Mein letzter Blick fiel auf den zertretenen Boden. 1 : 0 für das Solero, stand da.

Zora Schaad die Frau, die weiss, welche Buchstaben nötig sind, um einen Satz zu einer Symphonie zu machen. Mit schneidendem Scharfsinn geht sie den Küchendingen auf den Grund, kramt in der dunkelsten Vergangenheit und bringt das Küchenleben längst vergessener Tage auf den Teller von heute.

Zora Schaad, Juli 2011

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