Nutella-Schnitten wider den Osterwahn

Schokohasen sind süss und erfreuen Herz und Gaumen. Doch was, wenn sich die Kinder weigern, die Schoggitierchen aufzuessen? Der Erfahrungsbericht einer verzweifelten Mutter.

Ich bin eine wohldosiert kitschverliebte Frau, und als solche stehe ich auf Wohnungsverschönerung, solange sie zeitlich befristet ist. Zwei Wochen vor und zwei Wochen nach Ostern darf man sehen, dass Meister Lampe durch meine vier Wände gehoppelt ist. Davor und danach jedoch verläuft die Grenze meiner Toleranz in engen Bahnen. Ich will doch nicht im Osternest wohnen! Leider kämpfe ich allein auf weiter Flur gegen die Deko-Mafia, den Zuckerbäckerverband und die Kinder-Einlull-Industrie. Kaum nämlich ist Weihnachten überstanden und haben die drei Könige ihre Schuldigkeit getan, stehen die Osterhasen aus Schokolade, Styropor oder Kunstfell wieder in den Verkaufsregalen und gucken belämmert in den Laden. Ein endloses Feilschen mit den Kindern beginnt, in dem es um Karnickel, Zuckereier, Zahnputz- und Hausaufgabenversprechen geht  und bei dem ich aus Zeitmanagementgründen meistens nachgebe. Nachdem ich es also geschafft habe, Ostern nicht in lautstarken Verhandlungen mit meinen Kindern in einer Filiale eines Schweizer Grossverteilers zu verbringen, sondern mich auf geruhsame Tage im Kreise meiner Familie zu freuen, stelle ich fest,  dass diese beträchtlich gewachsen ist. An der Ostertafel sitzen plötzlich auch die Schoggihaseneltern Max und Ida mit Pirmin, Pfunzel und Polly,  Hasentante Klunkerliese, Hasenonkel Dickwanst, Götti Pfeifenrauch und Gotte Schlabberhut. Dazu eine Entourage aus vorerst anonymen Enten und Küken.

Mit ernsten Gesichtern erklären die Kinder, ihre Hasen nicht essen zu wollen. Stattdessen legen sie die neuen Schoggikumpel in die warme Frühlingssonne, um ihnen durchs Fenster die Stelle zu zeigen, wo Tim vor Kurzem mit dem Trottinett gestürzt war und sich das Kinn blutig geschlagen hatte. Nach einer Woche versuche ich, die Kinder zum Hasenessen zu animieren und scheitere kläglich. "Ich kann doch Polly nicht essen, Mama", klagt Sophie und Tim schiebt nach "du hast doch wohl nicht mehr alle Hamster am Start!"

Nachdem Tim, Sophie, Polly, Pirmin und Pfunzel endlich im Bett sind, setze ich mich mit den verbliebenen Cognac-Schokoladeeiern an den Küchentisch. Ich entwerfe Szenarien, wie der Hasenplage unbemerkt beizukommen ist. Träume von einem grossen Hammer, einer Sonderabfuhr und einem Entführungskommando. Entwerfe kreative Rezepte: "Mousse au Klunkerliese", "heisse Pfunzel mit Schlagrahm" und "marmorierter Dickwanstkuchen."

Am nächsten Morgen weckt mich ein seltsames Geräusch. Ich hebe meinen Kopf von der Tischplatte. Ein Schoggiei-Papier klebt auf meiner Wange. Tim steht am Toaster und stochert mit der Spaghetti-Zange darin herum.  Daneben liegt das abgerissene Ohr von Gotte Schlabberhut. "Was machst du da?", frage ich. Tim strahlt: "Sophie und Polly wollten Nutella-Toast."

Zora Schaad die Frau, die weiss, welche Buchstaben nötig sind, um einen Satz zu einer Symphonie zu machen. Mit schneidendem Scharfsinn geht sie den Küchendingen auf den Grund, kramt in der dunkelsten Vergangenheit und bringt das Küchenleben längst vergessener Tage auf den Teller von heute.

Zora Schaad, März 2011

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